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Erkenntnisse eines Menschen des Musters ACHT

...auf dem langen und steinigen Weg zu Einsicht und Wahrhaftigkeit

Ich beginne mit einem Auszug aus Martin Bubers "Ich und DU", den ich wegweisend und zielführend für einen Menschen des Musters ACHT halte:

Gegenwart, nicht die punkthafte, die nur den jeweilig im Gedanken gesetzten Schluss der "abgelaufenen" Zeit, den Schein des festgehaltenen Ablaufs bezeichnet, sondern die wirkliche und erfüllte, gibt es nur insofern, als es Gegenwärtigkeit, Begegnung, Beziehung gibt. Nur dadurch, dass das Du gegenwärtig wird, entsteht Gegenwart.

Das Leben in der Gegenwart kennzeichnet einen Menschen des Musters ACHT in besonderer Weise. Beim Reflektieren über die signifikanten Wesenszüge dieses Musters wird sichtbar, dass die Vergangenheit von relativer Bedeutungslosigkeit ist, denn aus der Vergangenheit ist kein Nutzen mehr zu ziehen. Es hat den Anschein, als ob unterdrückte bzw. verdrängte Trauer keinen Platz finden dürfe. Der Blick in die Zukunft ist eher fatalistisch, wenig zeit- und gedankenraubend. Der Augenblick zählt, er hält die Sinne wach, um jederzeit "schlagfertig" und in vielerlei Weise und unangreifbar zu sein. Schuld und Konsequenzen haben keinen Platz. Der Augenblick ist dazu da, Gerechtigkeit und Ordnung in diese Welt zu bringen, die Ordnung der ACHT, die als einzige zählt. Als Mensch dieses Musters vertraue ich letztlich nur mir selbst; es gibt für mich keine andere akzeptierte Autorität. Deshalb ist der Weg in eine andere Gegenwart, nämlich der im buberschen Sinn, lang und steinig.

Wie ich zum Eneagramm kam oder: Was den Elefanten dazu bringt, seinen Trampelpfad zu verlassen

Mit Wilfried Reifarth verbindet mich seit 1974 eine freundschaftliche Beziehung und Weggenossenschaft durch viele gemeinsam gestaltete Fortbildungsseminare. Die verbindende Basis dieser Arbeit war die Erkenntnis, dass die Menschen in ihrer Einmaligkeit und Einzigartigkeit einen Anspruch darauf haben, in den Fortbildungen passgenaue und ihrer Individualität und ihrer Entwicklung entsprechende Erfahrungen zu machen, die ihnen auf ihrem persönlichen und beruflichen Wege weiterhelfen. In dieses Weltbild der Vielfältigkeit passten keine Persönlichkeits- und Charaktermodelle. Reifarths Hinwendung zum Enneagramm hat mich zwar etwas irritiert, aber auch nicht weiter interessiert. Eine Zuschreibung und Festlegung auf ein Muster, noch dazu auf die ACHT, habe ich lange Zeit abgelehnt. Es passte im Übrigen auch nicht in mein tradiertes berufliches Weltbild: Schließlich bin ich berufsmäßiger Helfer und nicht Hauer.

Naranjos Beschreibung der ACHT als sadistischer Charakter und Soziopath, der rücksichtslos, reizbar und aggressiv, verantwortungslos, nicht anpassungsfähig an Normen und Gesetze ist, um nur einiges zu nennen, hat mich erheblich erschüttert. Nach einer langen zeitlichen Wegstrecke hat mich diese Beschreibung allmählich mein Sosein akzeptieren lassen. Dass etwas in meinem Verhalten nicht stimmte, habe ich mit den Mechanismen der ACHT lange weggedrückt.

Im Laufe der Zeit habe ich mich auch in meiner beruflichen Rolle als Führungskraft Schritt für Schritt weiterentwickelt, bin toleranter und großzügiger geworden. Ich lebe heute in der Gegenwart, und, um auf den Anfang zurückzukommen, zufriedener, und wahrhaftiger. Ich kann mich aufrichtig entschuldigen, wenn sich die destruktive Art ab und zu wieder blicken lässt.

Die Enneagrammlehrer-Ausbildung, die ich mir "absichtslos" gegönnt habe, war für mich erhebend und erschütternd zugleich. Ich habe Offenheit und Aufrichtigkeit nach der buberschen Lehre des "Ich und Du" in vielfältiger Weise erfahren und dabei meine "geistige Familie" gefunden. Was für eine Fügung.

Im Übrigen möchte ich noch erwähnen, dass ich das erste von zwei Exemplaren des Enneagrammbuches von Wilfried Reifarth besitze, mit Widmung und Datum: 21.3.1997. Es war ihm auf dem Postweg von der Druckerei zugeschickt worden, während wir ein Fortbildungsseminar in einer Einrichtung mit geistig behinderten Menschen durchführten. Damals lag die Einsicht in die Wirkmächtigkeit des Enneagramms für mich noch in sehr weiter Ferne.

Hannibal

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