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Das Enneagramm aus Sicht eines Menschen des Musters NEUN

Ich hatte 1996 zum ersten Mal im Rahmen einer Fortbildung des Deutschen Vereins für öffentliche und private Fürsorge in Frankfurt Kontakt mit dem Enneagramm.

Das Thema war "Führen und Leiten in der sozialen Arbeit", der Seminarleiter war Wilfried Reifarth. Statt methodisches Wissen über Führungsstile zu vertiefen, wurde die Enneagramm-Idee eingeführt. Reifarth vertrat die These: "Wenn Du weißt, wer Du bist, weißt Du auch, wie Du deine Leitungsposition ausfüllst und wie Du Menschen führen kannst".

Diese Fortbildung kam für mich zum richtigen Zeitpunkt, weil mich die Frage umtrieb, wieso bestimmte Themen im meinem Leben immer wieder auftauchten, und wieso sich bestimmte Gegebenheiten wiederholt ereigneten, die mir allzu bekannt vorkamen. Im Nachhinein finde ich es mustertypisch, dass ich nicht aktiv und bewusst eine Selbsterfahrungsgruppe aufsuchte, sondern einfach so "reinrutschte". Das Enneagramm kam also zu mir, ich hatte es nicht gesucht. (Bin ich vielleicht doch einer von den Seinen, denen es der Herr im Schlaf gibt?)

Zu diesem Zeitpunkt war ich jedenfalls bereit, genauer auf mich zu schauen und nicht - wie gewohnt - wieder und wieder den unangenehmen Themen auszuweichen. Diese Fortbildung war getragen von einer Atmosphäre des Vertrauens, in der ein "Sich-Öffnen" möglich war. Ich ließ mich auf diesen Prozess ein und es traf mich wie eine Keule, dass ich ein Mensch des Musters NEUN sein sollte. Trägheit war keine Eigenschaft, auf die ich stolz sein konnte. Alle anderen Muster hatten aus meiner Sicht eine hervorstechende Eigenschaft, die anerkannt war, z. B. perfekt, hilfreich, stark usw. Ich war "nur" träge, ein Mensch, der keine Entscheidungen trifft, sich nicht festlegen will, bequem ist, Konflikte vermeidet und dergleichen.

Ich war danach total verunsichert. So hatte ich z. B. beim Überqueren einer Brücke den Eindruck, dass sie mich nicht mehr tragen würde und ich einfach durch den Brückenboden hindurch in die Tiefe falle. Tatsächlich war zu dieser Zeit jeder "Boden" für mich aufgeweicht, und ich wusste nicht, wann ich wieder festen Boden unter die Füße bekommen würde. Es dauerte etwa zwei Jahre, bis ich meine Ennea-Eigenschaften relativ gut akzeptieren konnte. Trotzdem arbeitete es in mir und tut es noch heute.

Ich nutzte danach jedes Jahr eine Fortbildungswoche mit Wilfried Reifarth, um einmal im Jahr innezuhalten und gemeinsam in der Großgruppe zu reflektieren, was sich in der Zwischenzeit bei mir ereignet hat. Wichtige Themen waren u. a. mein Umgang mit Zeit, meine Art, Entscheidungen zu treffen und vor allem die Themen "Selbstbild" und "Selbstbetrug".

In der Weiterbildung zum Enneagrammlehrer wurden neue, tiefer liegende Themen aufgedeckt, die mir deutlich machten, wie viel Macht die Menschen des Musters NEUN durch ihre Untätigkeit ausüben und wie sie Menschen und Situationen "anscheinend unbewusst" (Selbstbild der NEUN) manipulieren. Mit diesem Bewusstsein ausgestattet, fängt es für mich an, schal zu schmecken, wenn die Menschen des Musters NEUN als die lieben, netten, aber (leider ein bisschen zu trägen) Mitmenschen dargestellt werden.

Allzu gerne gaukeln wir NEUNER-Menschen uns nämlich dieses Selbstbild vor. Tatsächlich ist es jedoch so, dass unsere Passivität bei anderen Menschen Druck verursacht, den wir wiederum für unsere Zwecke nutzen: Die anderen Menschen werden für uns aktiv, und wir erreichen oft unser Ziel, ohne etwas dafür getan zu haben. Darüber hinaus haben wir ja auch keine Verantwortung für die "Handlungen" übernommen und können deswegen jederzeit in die Opferrolle schlüpfen. Wir agieren meist verdeckt und strategisch, um unsere Ziele zu erreichen. In der Weiterbildung hatte ich den Eindruck, dass ich einen Verrat an den Menschen des Musters NEUN vornehmen würde, wenn ich dies öffentlich machen würde, da diese Mechanismen in der Literatur kaum beschrieben sind.

Inzwischen kann ich, wenn auch mit einem leichten Misstrauen gegenüber meinem Selbstbild und den dahinter stehenden Motiven, meine positiven Eigenschaften wahrnehmen. Wenn ich sehe, mit wie wenig Toleranz Menschen miteinander umgehen, und dass echtes Zuhören kaum noch stattfindet, kann ich anhand der Reaktionen und Rückmeldungen von Menschen, mit denen ich in Kontakt trete, feststellen, dass sie für diese Art Begegnung dankbar sind. Es macht sie wirklich ruhiger und zufriedener.

Mir ist durch das Enneagramm sehr viel klarer geworden, wo meine Schwächen und Stärken liegen. Dadurch kann ich bewusster am Leben teilnehmen. Ich habe nicht mehr in dem Maße wie früher den Eindruck "gelebt zu werden". Ich merke heute schneller als früher, dass ich mich bei Entscheidungen vor Verantwortung drücken möchte. Ich gehe bewusster in solche Situationen hinein und zwinge mich dazu, Entscheidungen zu treffen. Trotzdem passiert es mir immer wieder, dass ich, sobald ich nicht aufpasse, in meine Fallen tappe.

Inzwischen kann ich mir (im Nachhinein) erklären, wieso mir dies oder jenes passiert, und welche Rolle ich dabei gespielt habe, auch wenn es eine passive war. An diesem Punkt muss ich mir immer wieder verdeutlichen, dass auch die Übernahme dieser passiven Rolle meine Entscheidung ist und dies nicht "zufällig passiert". Mir ist bewusst, dass dies zu lernen ein lebenslanger Prozess ist. Um mich weiter zu entwickeln, brauche ich den Kontakt zu Menschen. Ich brauche sie als einen Spiegel, in dem ich mich immer wiedererkennen kann, und der mir zeigt, welche Motive in Wahrheit hinter meinem vorgegaukelten Selbstbild stecken. Aber auch hierbei muss ich aufpassen, dass ich nicht meinen Mitmenschen die Verantwortung für mein Leben übertrage. 

Dieser Spiegel ist das Du, ein Mensch, mit dem ich in "echten" Kontakt treten kann, und der mir liebevoll mein Selbstbild deutlich macht, damit ich diese Einsicht nicht voller Widerstand abwehren muss. Ohne diesen Spiegel bleibe ich in meinem Selbstbild und meinem Selbstbetrug verhaftet - und es kann keine Weiterentwicklung geben. Da ich dazu neige, mich instinktiv schnell zurückzuziehen, ist es für mich harte Arbeit, den Kontakt zu Menschen länger zu halten. Aber ich weiß, dass es mich weiterbringt. Gerne stelle ich deswegen meine Person und diese Erkenntnisse dem Deutschen Enneagramm Zentrum (DEZ) für Fortbildungen, Diskussionen - und wenn es sein muss, auch für Auseinandersetzungen mit anderen Menschen - zur Verfügung.

Agooji

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