Ich bin ein Mann des Musters ZWEI
Als ich diesen Satz tief im Inneren spüren konnte, fiel mir (zunächst) ein Stein vom Herzen. Endlich fügten sich verschiedene Teile zu einem verstehbareren Puzzle zusammen:
die frühen Auseinandersetzungen mit meinem Vater, der es nicht nur unverständlich, sondern geradezu unerträglich fand, dass ich als Kind lieber mit Mädchen deren Spiele spielte als mit Jungen,
die sich andeutende Verzweiflung, in einer kurzen neuen Sequenz bei dem Therapeuten, mit dem ich Jahre zuvor zwei Jahre Einzel- mit anschließender zweijähriger Gruppentherapie absolviert hatte, zu erfahren, dass ich offenbar überhaupt nichts gelernt hatte,
die Bitternis darüber, dass niemand es wirklich mitbekam oder sich dafür interessierte, wenn es mir schlecht ging,
das Unverständnis darüber, dass manche mich dort für einen „Arschkriecher“ hielten, wo ich mich selber für tabulos-ehrlich und autoritätendemaskierend empfand, usw.
Ich bin ein Mensch des Musters ZWEI!
Helfen? Ja, mache ich. Dankbarkeit dafür erwarten? Quatsch, ich doch nicht! Ist doch geradezu peinlich! Jedoch, tatsächlich fiel mir auf: Ganz subtil sorgte und sorge ich dafür, dass jeder es wissen konnte, wenn ich etwas Gutes getan hatte bzw. habe, und wenn ich es auch nur im Gespräch ganz beiläufig einfließen lasse. Aber, Stolz und Hochmut und Manipulation? Ich? Niemals!!!
Dass Stolz meine Leidenschaft sein könnte, habe ich anfangs wirklich überhaupt nicht nachvollziehen können. Wie auch? Als guter Katholik und Messdiener kannte ich die Geschichten der Heuchler und Pharisäer zur Genüge: „Herr, ich danke Dir, dass ich nicht so bin wie dieser!“ Nein, dieser Satz wäre nie über meine Lippen gekommen! Nein, ich habe ernsthaft dafür gedankt, dass ich ein echter Altruist bin und der Menschen wegen helfe und nicht des Gotteslohnes wegen. Auf Gotteslohn musste ich nicht einmal schielen - ich war mir seiner gewiss.
Was waren (Lern-)Sätze in meiner Therapie? Mein Therapeut (heute vermute ich, ein Mensch des Musters FÜNF), verstand meine „erotische“ Spannung zu jenen Menschen nicht, die ich für mächtig und interessant hielt. Er hat sich sehr bemüht, mir den „jugenlichen Liebhaber“ nahe zu bringen. Ich habe mich auch bemüht, diese Rolle prickelnd zu finden. Aber: Frauen waren für mich doch eh’ interessant, zwar anders, aber interessant.
Wir haben uns beide sehr bemüht, aber letztlich ging es nicht. Ich wurde nie der jugendliche Liebhaber. Allerdings konnte ich auch nie richtig beschreiben, wie sich das innen anfühlt. Mädchen, Frauen machen mich nicht in erster Linie als „Lustobjekt“ an, sondern eher irgendwie als „Schwestern“. Nein, ich bin nicht homo- oder asexuell, und ich kenne natürlich auch Erotik mit Frauen, aber offenbar irgendwie anders. Jedenfalls so, dass ich nie das Gefühl hatte, ich könnte dies einem anderen Mann, der nicht ein Mensch des Musters ZWEI ist, schlüssig erklären.
Also, meine erotische Beziehung zur Macht wurde mir immer klarer und es blieb so. Wunderbare Erklärungen dieser Beziehung fand ich bei Eli Jaxon-Bear, von dem ich mich zum ersten Mal in meinem Leben in diesem Punkt zutiefst verstanden fühlte: Die erotische Anziehung, die Macht auf mich ausübt, ist eben nicht die Macht an sich, sondern das verführerische Spiel mit den Menschen, die ich für wichtig, machthabend, oder wie auch immer empfinde. Diese versuche ich zu umgarnen und von meinen Ideen, Hilfen, Dienstleistungen usw. abhängig zu machen. Auf subtile Weise (vielleicht auch nur scheinbar) werden sie durch mich beeinflussbar und sie sollen – ohne dass sie es selber merken? – ihre Macht eigentlich in meinem Sinne, für meine Interessen, einsetzen.
Dass dieses Spiel zutiefst zu meiner Persönlichkeit gehört, fiel mir auf, als ich über das Schreiben dieser Zeilen nachdachte: Im dritten Grundschuljahr – ich war also gerade einmal neun Jahre alt – bekamen wir das Fach „Schönschreiben“ mit einer Lehrerin, die dick, streng und an der ganzen Schule unbeliebt war. Ich fürchtete schon im Vorhinein den Unterricht mit ihr, und das nicht nur, weil ich ahnte, dass mir Schönschreiben mein Leben lang nicht gelingen würde.
Schnell hatte ich heraus, dass diese Lehrerin die Schwäche hatte, sich nach dem Unterricht von Schülern gerne dabei helfen zu lassen, im Klassenraum ein wenig aufzuräumen. Ebenso schnell wurde ich einer ihrer Assistenten, und bald war klar, dass ich den längeren Atem und das größere Geschick als andere Klassenkameradinnen und –kameraden haben würde. Schließlich blieb ich ihr einziger Assistent und durfte ihr – wie die Sekretärin dem Chef – nach dem Unterricht die einzelnen Hefte vorlegen, die sie unmittelbar ansah und benotete. Oft hat sie, als mein Heft an der Reihe war, Blicke mit mir gewechselt. Oft war ich mir sicher, dass die Note, die sie darunter schrieb, mindestens eine besser war als wenn ich ihr nicht assistiert hätte. Am Ende des Schuljahres mochte ich sie sogar ein wenig. Heute glaube ich, dass wir beide eine Ahnung von unserem „Verführungsgeschäft“ hatten.
Ich bin ein Mensch des Musters ZWEI
Naja, ich muss schon zugeben, dass ich damals beim ersten Lesen des Enneagramms lieber eine EINS gewesen wäre. Ich hatte natürlich die ZWEI auch auf dem Schirm. Leider weiß ich heute nicht mehr so genau, was ich an der ZWEI so unattraktiv fand, und warum die EINS für mich attraktiver war. Dass ich schließlich zur ZWEI stehen konnte, habe ich meiner Frau zu verdanken: Ohne viel Federlesens und erbarmungslos sagte sie, dass es für sie überhaupt keinen Zweifel geben könne. Das war einer der wenigen Augenblicke, in dem ich meiner Frau nicht allzu heftig widersprochen habe.
Viel heftiger waren meine Widersprüche, als sie mir die Auswirkungen meines – oftmals unbedarften – Verhaltens Frauen gegenüber vor Augen führte. Habe ich oben beschrieben, dass ich Männern, die nicht meinem Ennea-Muster angehören meine Art von (Nicht-)Erotik zu Frauen kaum verständlich machen konnte, machte ich immer wieder einmal die Erfahrung, dass es Frauen gab, die das auch nicht verstanden. Völlig verdattert war ich, wenn Frauen mein Interesse an ihnen und ihren Themen zu persönlich interpretierten und mein Interesse so weit deuteten, dass sie mit mir das Bett teilen wollten. Tief im Innern musste ich eingestehen, dass das nun wirklich nur ein grobes Missverständnis sein konnte, weil ich an mancher von ihnen in dieser Richtung nur wenig Attraktives fand. Als die Beziehung zu mir und meiner Frau intensiver wurde, vernahm ich mit Schrecken, wie viele Verhältnisse mir inzwischen angedichtet worden waren, von denen ich nun wirklich nicht die blasseste Ahnung hatte. Dies war verbunden mit tiefen Kränkungen, weil ich mich weder für naiv, noch für abgestumpft und dumm, sondern lediglich für arglos gehalten hatte. Ich gebe es zu, meine Frau hatte viel Mühe, mir meine „falschen Beziehungsversprechungen“, mir meine „spinnenartigen Verführungsfäden“ klar zu machen, so dass ich zwar nicht ganz damit aufhören konnte, aber nun keine „arglose“ Haltung mehr dazu habe. Inzwischen weiß ich, wie viel wichtiger als der „Vollzug“ die Verführung für mich ist.
Ich bin ein Mensch des Musters ZWEI, sexueller Untertyp
Nicht nur über meine unbewussten Verführungsaktivitäten verschaffte mir dass Enneagramm mehr Klarheit, es gab mir auch den Hinweis zu einer weiteren, daraus entstehenden, Realität: Warum merkt es niemand oder interessiert es niemanden, wenn es mir schlecht geht? Die Antwort ist einfach: Ich lasse es nicht merken. Mir wurde immer deutlicher, wie ich blitzartig Gespräche „drehe“.
Fragt mich jemand, wie es mir geht, komme ich schon in Bedrängnis. „Gut?“ Stimmt nicht, denn: Wie soll es mir gut gehen, wo doch der liebe Gott bei seinem Schöpfungsakt an manchen Stellen so nachlässig war, dass ich mich permanent zu Nachbesserungen aufgefordert sehe? Diese Aufgabe ist so komplex, so vielfältig, so niemals endend (wie konnte ER glauben, dass er nach sieben Tagen fertig war und es noch als gut ansehen?), dass sie gar nicht zu bewältigen ist. Dies ist so anstrengend zu ertragen, dass es mir nicht einmal im Ansatz gut gehen kann.
Sage ich: „Schlecht!“, kann das auch nicht stimmen, weil – wenn ich derjenige bin, der Rat und Abhilfe in Notlagen weiß und kennt, und der bin ich nun einmal – dann wäre es zumindest image-schädigend, ginge es mir schlecht. Ein Weiteres tritt hinzu: Ringe ich mich zur Aussage „Nicht gut“ durch, befürchte ich, dass mein Klagen endlos werden könnte. Meine Stimme hört sich in meinen Ohren derart larmoyant an, dass ich ihren Klang nicht mehr ertragen kann.
Egal, wie der innere Dialog ausgeht: Er ist in Sekundenbruchteilen entschieden, und das Gespräch wird mit der Gegenfrage elegant gedreht: „Wie geht es Dir eigentlich?“ Geht das Gegenüber darauf ein, tritt bei mir unmittelbar Entspannung ein, und ich versuche, aufmerksam und aktiv zuzuhören. Ganz selten kommt Protest derart, dass bemerkt wird, dass ich offenbar von mir nichts preisgeben möchte. Dann lege ich gerne noch einen ehrlichen Satz nach und der zweite Versuch, das Gespräch zu drehen findet – meist zielerreichend – statt. Es ist quasi ein Reflex, jedes Gespräch irgendwie zu einem Beratungsgespräch zu machen, in dem ich – natürlich – der Berater bin.
Inzwischen habe ich oftmals heftige Gefühle von Frustration nach einem solchen „Spiel“, weil ich selber merke, wie ich mich „als Figur vom Feld genommen habe“, aber es gelingt noch immer selten, den Hochmut beiseite zu legen und dem Gesprächspartner echtes Interesse an mir zuzutrauen.
Von Jaxon-Bear habe ich mich endlich auch mit meinem „Handicap“ verstanden gefühlt, dass ich oft und gerne Menschen anfasse: eine leichte Berührung an der Schulter, am Arm, an der Hand etc. Leider kann ich nicht ausschließen, dass jemand diese Berührung als übergriffig empfindet. Für mich ist sie oftmals ein echtes Bedürfnis nach Kontakt und manchmal wie ein eigener Kanal, um Informationen zu geben und zu erhalten.
Ich arbeite als Mensch des Musters ZWEI
In meinem Berufsleben als Sozialpädagoge hat es am Anfang lange gedauert, ehe ich mich zu einer ersten Zusatzausbildung entschließen konnte. Einerseits hatte ich bei Ausschreibungen das Gefühl: Was da steht, werde ich nicht erreichen können. Dann kam ich zu dem Schluss, dass ich das eigentlich schon von mir aus kann.
So absolvierte ich meine erste Weiterbildung, indem ich etwas ganz Besonderes entdeckte, das ich dann als Weiterbildungsthema für meinen Fachbereich organisierte und durchführte und gleich als Teilnehmer mitmachte. Neben dem Effekt, dass ich nun nicht nur wusste, dass wir etwas ganz Spezielles machten, dass ich die Dinge in der Hand hielt, dass ich die wichtigen Kursleiter umgarnen und für ihr „Wohlergehen“ sorgen konnte, konnte ich nebenbei – sozusagen als Zugabe – eine Weiterbildung absolvieren, in der alle Beteiligten sich auf eine durch mich in einer Vorgesetztenposition zusätzlich eingezogenen Hierarchieebene einlassen und erproben konnten bzw. mussten. Natürlich gelang das Experiment, von dem mir viele Kollegen im Vorfeld abgeraten hatten.
In der Folgezeit lernte ich, dass mich die Themen des Mainstreams nur insofern interessierten, als ich - in der Regel - Anstoß an ihnen nahm. Meistens faszinierten mich Theorien und Methoden, die Ganzheitlichkeit, Person- und Bedürfnisorientierung usw. versprachen, die aber in der Fachlandschaft eher als randständig oder gar „grenzwertig“ angesehen wurden. „Arbeit an den Grenzen“ wurde ein wichtiges Thema für mich, wobei ich selber nicht vorhersagen konnte, wann ich eher fürs Grenzen-Bewahren und wann fürs Grenzen-Überschreiten war.
Diese Erfahrung machte ich dann auch mit dem Enneagramm, von dem ich 1990 während der Ausbildung zum Supervisor beim Deutschen Verein zum ersten Male gehört habe, und das ich in der Folgezeit durch Wilfried Reifarth richtig kennen lernte. Endlich fühlte ich mich verstanden, gesehen. Neben Erleichterung darüber habe ich natürlich auch viele Qualen durchlitten. Das Sosein zu akzeptieren – wer ist schon gerne ein Arschkriecher? – war mit manchen depressiven Phasen verbunden. Die Erkenntnis, Entwicklung nur innerhalb des eigenen Musters nehmen zu können, war ebenfalls mit Ambivalenz – nämlich Erleichterung und Hoffnungslosigkeit – besetzt.
In den Jahren nach 1991 nahm ich recht regelmäßig an jährlich stattfindenden Arbeitsgruppen im Deutschen Verein teil, in denen wir uns das Enneagramm weiter erarbeiteten und uns darin bestärkten, uns an unseren Arbeitsstellen weiter im Umgang mit dem Enneagramm in der Sozialen Arbeit zu üben. Dies blieb jedoch rudimentär, bis Wilfried Reifarth sich so weit entwickelt hatte, dass er eine Ausbildung zum Enneagrammlehrer konzipieren konnte. So habe ich die Chance gehabt, den Prozess mitzuvollziehen, wie aus zunächst einzelnen Strängen (Enneagramm, Buber’sche Dialogphilosophie und Prinzipien der Anonymen Alkoholiker) ein Faden gesponnen wurde, der die Grundlage für die genannte Ausbildung zum Enneagrammlehrer bildete.
In meinem Erleben hat die Arbeit mit dem Enneagramm und schließlich die Ausbildung zum Enneagrammlehrer, die gegen Ende der Ausbildung meinerseits zur Mitgründung des DEZ führte, einen Quantensprung bewirkt. Die Arbeit in der Großgruppe unserer Ausbildung war getragen von einer gegenseitigen Akzeptanz, Offenheit und Präzision, wie sie sich vorher manchmal andeutete, aber in dieser Gruppe erst entwickeln konnte. Durch den Mut jedes einzelnen Ausbildungsteilnehmers, sich selber - an manchen Stellen schonungslos - zu betrachten und sich den anderen zu präsentieren, entstand eine Tiefe, die ich bis dato nicht erlebt hatte. Die in der Literatur beschriebenen Muster erhielten dadurch buchstäblich eine vierdimensionale Plastizität.
Diese Erfahrungen machten es mir möglich – nein, es geschah mir einfach – dass ich plötzlich in meinen Beratungsgesprächen an meinem Arbeitsplatz sehen konnte, wie sich bei den zu beratenden Menschen die blinden Flecken in der Selbstwahrnehmung auswirken und die eigene „Logik“ ad absurdum führen.
Trotz all meiner Bemühungen in der Ausbildung bin ich nicht „neunsprachig“ geworden. Ich kann aber, glaube ich, annähernd neun Sprachen unterscheiden. Ich kann sie in unterschiedlicher Qualität verstehen; manche davon spreche ich. Selbst wenn ich eine Sprache nicht spreche, selbst wenn es nach wie vor Missverständnisse gibt, glaube ich, den Menschen etwas mitgeben zu können, gemäß dem Motto: „Ich kann es nicht verstehen, habe aber Verständnis für Sie.“
Nein, es ist nicht das Paradies auf Erden ausgebrochen – (was für einen Menschen des Musters ZWEI im Übrigen auch gar keine so reizvolle Vorstellung wäre – siehe oben). Zumal es auch natürliche Grenzen gibt: Im Bereich der Jugendhilfe gilt es an manchen Stellen, das Verständnis für musterspezifisches Reagieren von Eltern gegen das Wohl des Kindes abzuwägen. Aber die Spielräume haben sich in meinem Erleben noch einmal erweitert, übrigens nicht immer zur Zufriedenheit meiner Kollegen, die mit meinen grenzwertigen „esoterischen Ansichten“ z. T. (noch?) nichts anfangen können oder wollen.
- Felix -