Gelebte Erfahrung - persönliche Auseinandersetzung mit dem Enneagramm: Einblicke in das Muster ZWEI
Schon die Wahl des Titels verrät die Tendenz des Musters ZWEI, Einblicke zu gewähren, aber auch die innere Scheu davor, „alles“ aus der eigenen Seele mitzuteilen. Letzteres ist für mich nur möglich, wenn ein absolut vertrauter Raum vorhanden ist und ein Rahmen, der dies mir „erlaubt“ – so boten die abendlichen Meetings in Anlehnung an die Tradition der AA einen solchen. Spontan mich ganz mitzuteilen, d.h. was im Moment in mir ist - also die ganze Wahrheit und nichts als die Wahrheit - ist ein, nein, mein Übungsweg zur Wahrhaftigkeit.
Denn ich habe entdeckt, dass die Hürden, die sich vor meiner Wahrhaftigkeit aufbauen, in dem Bild liegen, das ich von mir selbst „zeichne“:
der instinkthaften Tendenz, Konflikte zu meiden, die meinen selbstgezimmerten Boden als Halt gefährden würden, und anderen „weh tun“ – denn ich füge anderen keinen Schmerz zu – so die Vorstellung.
der Wunsch, das äußere Bild zu leben, das ich verkörpern will: Kontakt herzustellen, Beziehungen eingehen zu können und grundsätzlich anderen gegenüber zu „Diensten“ zu sein.
Lange Zeit war mein Adressbuch der Ausweis der Vernetzung mit Menschen in aller Welt, die Sicherungsstrategie „in Verbindung zu sein“. Dass dies oft nur meine Vorstellung war, aber nicht der Realität standhielt, das wahrzunehmen dauert(e) immer eine Weile. Mittlerweile kann ich Kontakte offen lassen und muss sie nicht „krampfhaft“ aufrechterhalten. (Das Wort Krampf passt wunderbar, denn wenn sich die anderen nicht gemeldet haben oder melden, dann kann es sein, dass sich etwas in mir „verkrampft“.) In diesem Gefühl zeigt sich bei weiterem Erforschen die Angst, verstoßen zu sein, keinen Kontakt zu haben - was Verlorenheit bedeuten würde -, keine Existenz-Resonanz zu spüren. Denn ich bin (nur) durch die Bestätigung durch die Beziehungen zu Anderen – so lautet die innerste Identität der verwickelten ZWEI und ihres Egos.
Das scheinbare Gut-Sein, das Beliebt-Sein und Sich-beliebt-machen-Wollen erlebe ich wie zu meiner Haut gehörig - und nur zu Zeiten – und diese Entwicklung ist schwierig und dauert lange - erlebe ich, was wahrhaft gut tut: mich in meiner Haut dem Kosmos und den anderen ohne Vorbehalt zu öffnen.
Denn darin besteht der Hochmut der ZWEI, also mein eigener: Mich in Wirklichkeit abzusondern und mich als „Bevorzugter“ und „Herausgehobener“ unter den Menschen sich zu fühlen. Leider ist es nicht nur ein Gefühl, sondern eine existentielle Grund-Überzeugung, die mit allen Fasern meines Wesens von mir „geglaubt“ wird und die mein Ego - also ich selbst - inszeniert, „koste es was es wolle“.
Diesen Hochmut und diesen Stolz aber als solchen als wahr, als wirklich zu nehmen, dazu brauche ich Rückzüge und Reflexion, Einsicht und Demut. Und z.B. die Konfrontationen mit einem Menschen wie meine Frau, die mir (als Mensch des Musters EINS) den Weg zum Hochmut versperrt, weil sie ihn auf Schritt und Tritt wahrnehmen kann und ihn mir spiegelt.
Ich kann mir grundsätzlich nur schwer vorstellen, dass ich eine Zumutung darstelle für die Menschen, die in meiner Nähe sind - sei es die Partnerin, die Kinder oder Kollegen/innen. Dass ich dies lange nicht sehen und spüren wollte, ist Ausdruck des Hochmuts.
Das viel zitierte „Helfen“ des Musters ZWEI halte ich inzwischen für unpassend, weil unscharf, harmlos und als Ablenkung vom Eigentlichen: Ich muss mich nämlich erst durchringen zu erkennen, was Hilfe und Helfen wirklich bedeutet. Denn die instinkthafte, reflexartige Hinbewegung zu anderen, sei es im In-Kontakt-Treten, sei es eine Handlung (wie zum Beispiel einfach das Geschirr der anderen zu waschen, obwohl es mir nicht gehört), kann ein Ausdruck der wirkenden „Schmeichelei“ sein, sich gut zu stellen und dies so überzeugend zu tun, als sei ich das selbst.
Eine meiner wichtigen Entdeckungen in Richtung meiner Entwicklung beschrieb ich vor einigen Jahren in einer Seminarauswertung: Ein Sehnsuchtstraum von mir ist, in einer Masse von Menschen zu sein, dicht an dicht, und ich bin glücklich darin: Ich.
Dieses Bild markiert für mich die Entwicklung des Musters ZWEI: einer unter anderen zu sein, sich nicht mehr „hervortun“ müssen durch die innere, heimliche Abgrenzung von anderen - was ja bei genauem Hinsehen die Maske der Verachtung trägt. Einer unter anderen zu sein und es macht nichts - es genügt mir, dass ich bin und die anderen auch sind, einfach so. Und dass darin die wahre Verbundenheit besteht – ein Mensch unter Menschen zu sein, jede/r ist nur ein Mensch, Adam. Das klingt so selbstverständlich - für mich ist es das nicht. Ich muss es mühsam erlernen, und manchmal überkommt mich die Scham und ich fühle eine tiefe Traurigkeit, dass dieser Schatten in mir ist - dass ich dieser Schatten (auch) bin.
Neulich, beim Warten auf die S-Bahn: Ich sehe eine schöne Frau, vielleicht eine Griechin mit ihrer Tochter - und betrachte sie. Daneben steht eine alte Frau mit Nikotin-Fingern, sich schnäuzend, eher „verwahrlost“. Ich spüre Abstoßungsregungen in mir zu dieser Frau, Hin-Neigungstendenzen zur „schönen“. Ich spüre es, und übe mich darin, mein positives Gefühl für beide zu öffnen - weil sie Menschen sind. Das ist für mich „Übung im Alltag“ - eine winzige Szene zwar, sie offenbart mir aber soviel, auch den dazugehörigen Impuls zur Verführung.
Diesen kenne ich aus der Arbeit mit Gruppen: Der Hochmut lässt mich in kürzester Zeit die Menschen einteilen in diejenigen, die mir gefallen, wohl-gefällig sein (werden, müssen), die ich für interessant halte, und die anderen, die eben uninteressant sind und es möglicherweise bleiben. Wenn ich mich nicht „bekehren“ lerne.
Was mich retten kann, ist das Alleinsein und das Spüren dieses „Wahns“, immer in Kontakt gehen zu müssen, das Üben des Aussprechens dessen, was ist, und die Meditation, in der ich mich reduzieren lasse und meine kleine Identität sich entwirren darf. Demut ist ein Wort, das allmählich häufiger in meinem Leben vorkommt - als zu lernende Haltung.
Die Sichtweisen und Texte von Martin Buber sind wahrer Sauerstoff für mich, und ebenso die gemeinsame Begegnung mit den Menschen, die sich im DEZ versammeln. Darum geht es mir, nicht in erster Linie um das Enneagramm. Dieses ist für mich ein Orientierungslicht für die eigene Gefährdung, für den Blick auf die eigene innere Schönheit und die der Anderen.
(Dass ich dies „wie in einem Atemzug“ geschrieben habe, erzeugt Zufriedenheit in mir, und ich werde diesen Text nicht mehr verändern. Er entstand in einem Augenblick meines Lebens, er gilt so - unvollkommen vollkommen.)
- Johannes -