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Erfahrungsbericht Enneagramm Muster SIEBEN - www.deutsches-enneagramm-zentrum.de
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Hier wo man steht

Ich habe meinem Text diese Überschrift und folgendes Zitat voran gestellt, weil es für mich als Menschen des Musters SIEBEN immer darum ging und geht, meiner Lebenswirklichkeit nicht auszuweichen, sondern sie so zu bestalten, dass sie mich glücklich und zufrieden macht.

Die meisten von uns gelangen nur in seltenen Augenblicken zum vollständigen Bewusstsein der Tatsache, dass wir die Erfüllung des Daseins nicht zu kosten bekommen haben, dass unser Leben am wahren, erfüllten Dasein nicht teilhat, dass es gleichsam am wahren Dasein vorbei gelebt wird. Dennoch fühlen wir den Mangel immerzu, in irgendeinem Maße bemühen wir uns, irgendwo das zu finden, was uns fehlt. Irgendwo in irgendeinem Bezirk der Welt oder des Geistes, nur nicht da, wo wir stehen, da wo wir hingestellt worden sind - gerade da und nirgendwo anders aber ist der Schatz zu finden.M. Buber: Der Weg des Menschen nach der chassidischen Lehre, Gütersloh 1999, S. 51/52

Wenn ich mein Leben rückblickend betrachte, stelle ich fest, dass das Enneagramm einen großen Beitrag dazu geleistet hat, dass ich mich weiter entwickelt habe und mein Leben heute, privat wie beruflich, als sehr erfüllend empfinde. Wie es dazu gekommen ist, möchte ich im Folgenden beschreiben.

Ich kann mich noch gut erinnern, an welcher Stelle mein bewusster Entwicklungsweg seinen Anfang nahm: Es war 1995 in einer Veranstaltung des Deutschen Vereins mit dem Titel "Fortbildung für Fortbildner/innen". Im Rahmen dieses Seminars lernte ich das Enneagramm kennen. Als Mensch des Musters SIEBEN kann ich mich sehr schnell für Dinge begeistern, die spannend sind und einen neuen Kick verheißen. So ging es mir auch mit dem Enneagramm: Gierig wollte ich sofort alles erfassen und verstehen, mein eigenes Muster und möglichst das aller anderen Seminarteilnehmer auch.

Da ich meine Ziele meist sehr dominant verfolge, hatte ich bereits am zweiten Tag, unterstützt durch Beobachtungen anderer, mein Muster gefunden. Die Dinge, die ich dort über mich erfuhr, standen in krassem Widerspruch zu dem Bild, das ich bis dahin von mir hatte. Ich begegnete Aspekten meiner Persönlichkeit, die ich vorher nicht wahrgenommen oder verdrängt hatte. Es folgte eine Phase des Erschreckens, die mit starken körperlichen Reaktionen verbunden war. Innerhalb einer Nacht liefen einschneidende Episoden meines bisherigen Lebens in meinem inneren Kino ab - es waren überwiegend Ereignisse, für die ich im Nachhinein ein großes Bedauern empfinde. 

Schnell spürte ich, dass ich es mit einer Idee von großer Wirkmächtigkeit zu tun hatte, und dass es mit einem oberflächlichen "Hineinspringen" nicht getan war. Wollte ich die Idee für mich fruchtbar machen, musste ich mich intensiv und mit meinem "gesamten Mensch-Sein" darauf einlassen. Obwohl es mir sehr schwer fiel, weil ich schmerzhafte Prozesse auf mich zukommen sah, die ich normalerweise zu vermeiden suche, habe ich es getan. Das hatte wohl in erster Linie mit meiner damaligen Lebenssituation zu tun, die sehr schwierig war und andere Wege erforderlich machte (dazu später mehr).

Eine neue Verhaltensweise hielt Einzug in mein Leben: die Selbstbeobachtung. Sie war und ist die Grundlage für meinen Veränderungsprozess. Dieser Prozess verläuft nicht etwa linear, sondern Fort- und Rückschritte bilden ein ständiges Wechselspiel.

Im Unterschied zu früher sind mir meine Automatismen heute bewusst. Das hat meine Möglichkeiten erhöht, ihnen etwas entgegen zu setzen und bewusst andere Verhaltensweisen zu zeigen. Dennoch spüre ich ständig, wie sie im Hintergrund lauern, um mich in Versuchung zu führen. Je nach Tagesform gelingt es mir besser oder schlechter, die Dynamik anzuhalten. Dass es überhaupt geht, gibt mir ein Gefühl von Freiheit. 

Da sich die Begegnung mit dem Enneagramm besonders nachhaltig auf mein familiäres Umfeld ausgewirkt hat, möchte ich auch darüber etwas schreiben: 

Vor vierzehn Jahren lernte ich meinen heutigen Ehemann kennen, der damals mit seinen drei Kindern im Alter von dreizehn, elf und sechs Jahren zusammenlebte. Ich hatte zu diesem Zeitpunkt einen einjährigen Sohn. Schon nach kurzer Zeit zogen wir zusammen. Wie nicht anders zu erwarten, barg diese Konstellation sehr viel Zündstoff und nicht selten kam es zu Explosionen. Besonders schwierig und Kraft zehrend waren für mich die Auseinandersetzungen mit den Kindern. Ich habe in den ersten Jahren häufig darüber nachgedacht, einfach alles hinzuschmeißen und mir anderswo ein harmonischeres Leben aufzubauen. Denn besonders für einen Menschen des Musters SIEBEN ist es sehr schwer, sich festzulegen, Verantwortung zu übernehmen und dann auch noch permanent unangenehmen, schmerzhaften Situationen ausgesetzt zu sein. Aber letztendlich haben zum Glück doch die Liebe und die Attraktivität des persönlichen Wachstums gesiegt.

Auf jeden Fall war es für mich ein Segen, dass ich irgendwann das Enneagramm kennen lernte und dadurch viel über mich und meine Verhaltensmuster, aber auch über die meiner Familienmitglieder erfahren habe. Ich konnte eher annehmen, was mir von anderen rückgemeldet wurde und an mich gerichtete Vorwürfe eher nachvollziehen, weil ich meine schwer verträglichen Eigenschaften nun deutlicher vor Augen hatte. Andererseits gelang es mir auch eher, die Kinder in ihrer Unterschiedlichkeit zu sehen und zu akzeptieren. Ich nahm ihr Verhalten nicht mehr so persönlich, sondern konnte es immer häufiger als Ausdruck ihres eigenen So-Seins annehmen. 

Das hatte auch zur Folge, dass ich meine Erziehung stärker zu differenzieren begann. Früher war ich immer der Meinung, es sei ein Ausdruck von Gerechtigkeit, alle Kinder gleich zu behandeln; heute sehe ich genau das als einen Akt der Verantwortungslosigkeit an:

Ich neige dazu, innerhalb des Erziehungsbegriffs die Bedeutung des Hervorziehens für die entscheidende zu halten. Danach kommt es (...) darauf an, aus dem Kind oder Jugendlichen etwas Latentes hervorzuholen und auszubilden. Aber was ist das, was man hervorholen soll? Man pflegt auf solch eine Frage mit ein paar allgemein-ethischen Kategorien zu antworten. Sie reichen nicht zu. Es ist eine unerlaubte Vereinfachung, anzunehmen, dass in allen Kindern das gleiche Allgemein-Gute steckt. Wir sind, trotz aller gemeinsamen Anlagen, letztlich allesamt Unica, und das Gute, das in jedem Kinde steckt, ist etwas unreduzierbar Persönliches. Martin Buber: Erziehung zur Humanität. Paul Geheb zum 90. Geburtstag, Heidelberg 1990, S. 10

Mit anderen Worten: Es gelang mir mehr und mehr, eine Haltung des Respekts vor der Unterschiedlichkeit zu entwickeln und mein (Erziehungs-)Verhalten danach auszurichten. Das soll nicht heißen, dass wir fortan nur noch in Harmonie miteinander lebten, aber wir fanden einen Weg des gegenseitigen Respekts, der tragfähig für unser Familienleben war.

Auch die Beziehung zu meinem Mann hat durch das Enneagramm eine sehr gute Entwicklung erfahren. Wir haben immer mehr erkannt und akzeptiert, dass wir "Seite an Seite in unterschiedlichen Welten leben" (M. Frings Keyes) und sind immer häufiger über diese Unterschiedlichkeiten ins Gespräch gekommen, anstatt uns ihretwegen anzufeinden und Vorwürfe zu machen. Habe ich es zum Beispiel früher als mangelndes Interesse an meiner Person gedeutet, wenn mein Mann sich zurückzog, sehe ich es heute als lebensnotwendiges Verhalten für einen Menschen des Musters FÜNF an und muss es nicht länger auf mich beziehen und auf der Folie meines So-Seins mit Verlustangst oder Klammern reagieren.

Manche Früchte dieses Veränderungsprozesses ernte ich auch erst jetzt, nachdem die Kinder meines Mannes ausgezogen sind. Ich bin manchmal sehr gerührt davon, wie intensiv und wahrhaftig unsere Begegnungen sein können.

Das Du begegnet mir von Gnaden - durch Suchen wird es nicht gefunden. Aber dass ich zu ihm das Grundwort spreche, ist Tat meines Wesens, meine Wesenstat. M. Buber: Ich und Du, Heidelberg 1983, S.18

Wie anhand der eingefügten Zitate deutlich wird, hat auch die Dialogphilosophie Martin Bubers einen sehr starken Einfluss auf mein Leben ausgeübt. Sie hat uns während der Ausbildung ständig begleitet, weil sie sich auf hervorragende Weise mit dem Enneagramm verbindet. Beide Ideen tragen dazu bei, die Achtsamkeit gegenüber anderen Menschen zu erhöhen und das eigene Ego zu reduzieren. Beide führen uns vor Augen, dass Entwicklung nicht nur im stillen Kämmerlein vonstatten gehen kann, sondern eines Gegenübers bedarf, und dass wahrhaftige, absichtslose Begegnungen mit Menschen die Voraussetzung und gleichzeitig das Resultat eines jeden Entwicklungsprozesses sind.

Beziehung ist Gegenseitigkeit. Mein Du wirkt an mir, wie ich an ihm wirke. M. Buber, a.a.O, S.23

Was bei Buber stets mitschwingt, ist, dass wirkliche Begegnung nur in einem Zusammenwirken aus "Willen und Gnade" geschehen kann, was bedeutet, dass es eine Instanz gibt, die größer ist als wir.

Dass das so ist, wird in der Spiritualität der Anonymen Gruppen unmittelbar erlebbar. Selten habe ich mich stärker als Teil einer Gemeinschaft gefühlt als in den Stunden, in denen wir als Ausbildungsgruppe unsere "Erfahrung, Kraft und Hoffnung" miteinander teilten. Die Selbstverständlichkeit und Offenheit, mit der gesprochen und Anteil genommen wird, erfüllt mich mit tiefer Dankbarkeit. Die Erfahrung "wechselseitiger Unvollkommenheit" hilft mir, mich selbst so anzunehmen, wie ich bin und auch anderen Menschen mit mehr Respekt und Liebe zu begegnen.

Erkennt man das Selbst als gewöhnlich, unvollkommen, begrenzt, werden die Ängste weniger, und man wird sich der Verbindung mit anderen bewusst, die zwangsläufig auch unvollkommen sind und mit einer Welt, die, weil sie aus unvollkommenen Wesen besteht, keine Vollkommenheit verlangt. Wenn wir diese Sicht des Selbst, der anderen und der Welt akzeptieren, verlieren wir das Gefühl, unser wahres Selbst verraten zu müssen, um ein Teil der Menschheit zu werden. Zuhause ist letzten Endes der Ort, wo wir den Frieden und die Harmonie finden, die aus dem Wissen und der Akzeptanz unserer eigenen Unvollkommenheit und den Unvollkommenheiten der anderen erwachsen. Ein solcher Ort, ein solches Zuhause kann unter verschiedenen Voraussetzungen entstehen, aber seine Fundamente ruhen im Selbst und innerhalb einer Gruppe von Menschen, denen man vertraut? An einem solchen Ort können wir aufhören, zu kämpfen - und noch wichtiger - aufhören uns selbst zu bekämpfen. Wir finden Raum, so unvollkommen zu sein, wie wir nun einmal sind und wir entdecken, dass wir dort auch fähig werden, andere so sein zu lassen, wie sie sind. E. Kurtz , K. Ketcham: Die Spiritualität der Unvollkommenheit, Goch 2006, S. 233/234)

Lilly

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